Das BMBF-Forschungsprojekt ProKoB [3] mit seiner Katalogisierung von Bausteinen und der Zusammenstellung sinnvoller Ensembles auf Basis dieser Bausteine fokussiert auf einzelne Projekte sowie die Verbesserung der dort angewendeten (Entwicklungs-)Prozesse. Nur mittelbarer Fokus ist die Organisationsentwicklung und das Change Management einer ganzen Organisation.

Diese Differenzierung lässt sich mit dem „Quality Improvement Paradigm“ (QIP) [1] veranschaulichen: Es setzt sich aus einem Organisations-Feedback-Zyklus und einem Projekt-Feedback-Zyklus zusammen. Der Organisations-Feedback-Zyklus dient einerseits der Informationsaufnahme und -analyse aus den Projekten und andererseits der Aggregation dieser Informationen in Richtung einer „Experience Factory“ [1]. Der Projekt-Feedback-Zyklus hingegen generiert lokales Feedback bezüglich eines Ziels, welches nicht unbedingt durch die Organisation vorgegeben sein muss. Der Zyklus wir dabei auch als eine Art Pilotierung für die komplette Organisation gesehen. Dieser von uns in den Vordergrund gerückte Projekt-Feedback-Zyklus passt somit zur ProKoB-Philosophie einer lokalen Prozessverbesserung für ein Projekt.

Die beiden Zyklen sind jedoch nicht vollends voneinander zu trennen. Stattdessen weist das QIP eine Verzahnung zwischen den Kreisläufen auf – z.B. wird der Projekt-Feedback-Zyklus als eine Art Pilot für die Organisation durchlaufen und spiegelt die Ergebnisse an sie zurück. Eine solche Verzahnung existiert auch in ProKoB: Wenn mit den Bausteinen oder Ensembles die Entwicklungsprozesse in einem Projekt verbessert werden, hat dies einen (positiven) Einfluss auf die Organisation. So entsteht z.B. ein neuer organisationsweiter Entwicklungsprozess oder eine veränderte Meeting-/Organisations-Struktur.

Adressierung der Werte durch Kultur nur beiläufig

Im Bereich der Agilität, in welchen sich ProKoB einordnet, spielen die Themen agile Kultur und darunter speziell agile Werte als Grundlage eine große Rolle und werden von Verfechtern der Agilität gefordert. Da Agilität auf Prinzipien wie Selbstverantwortung basiert und diese Prinzipien eine gewisse Kultur im Unternehmen voraussetzen bzw. durch diese unterstützt werden, ist das Thema Agilität eng mit einer zugehörigen und notwendigen Kultur verknüpft.

Wenngleich sich ProKoB mit seinen Bausteinbeschreibungen auf die technische und nicht die kulturelle Agilität konzentriert, führt die Einführung von technischer Agilität dennoch schrittweise zu einer Kulturänderung der einzelnen Person, des Teams, des Projektes oder der gesamten Organisation [2]. Beispielsweise kann ein „Daily StandUp“ durch ein täglich im Kalender verankertes Meetings zunächst technisch umgesetzt werden. Nach einer gewissen Zeit sollte dieses Meeting in den Köpfen verinnerlicht sein. Der Kalender-Termin ist somit nicht mehr zwingend notwendig und stattdessen in das Selbstverständnis und die Projektkultur übergegangen. Es ist somit mehr als nur die technische Umsetzung (z.B. initiiert durch einen Manager) nötig um in diesem Beispiel zu einem selbstorganisierten Team beim StandUp zu kommen. Da sich solche Agilen Bausteine meist auf das Projekt beziehen, ist auch dieser Schritt – von der technischen zur kulturellen Agilität – auf Projektebene zu sehen.

Durch die gegebene Verzahnung, dass Projekte in einer Organisation durchgeführt werden, hat die Einführung der technischen Agilität auf Projektebene über die kulturelle Agilität auf eben dieser Ebene auch einen indirekten Einfluss auf die Organisationsebene. Um im oben genannten Beispiel der „Daily StandUps“ zu bleiben, kann dies zu einer komplett geänderten Kommunikationskultur im Unternehmen führen.

Somit ergibt sich am Ende, dass das Forschungsprojekt ProKoB mit dem Fokus auf Agile Bausteine und somit eher technische Agilität auf Agile Werte nur indirekt Wert legt (also Werte-los ist) aber diese nicht unberücksichtigt lässt. Speziell da durch die strukturierte Beschreibung der technischen Bausteine, z.B. Risiken bei der Einführung, auch Aspekte der Agilen Kultur aufgegriffen werden, und die Ergebnisse von vielen Unternehmen als wertvoll beschrieben wurden.

 

[1]   Victor R. Basis, Gianluigi Caldiera und H. Dieter Rombach. "Experience factory" Encyclopedia of Software Engineering (1994).

[2]   Philipp Diebold, Steffen Küppers und Thomas Zehler. „Nachhaltige Agile Transition: Symbiose von technischer und kultureller Agilität“ (2015).

[3] ProKoB steht für ProjektKontextspezifische ProzessBaustein-Orchestrierung zur Verbesserung des Entwicklungsvorgehens, http://www.prokob.info, Förderkennzeichen: 01IS15038.